Positionspapier zu einer möglichen Reform des Studiums

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Im Laufe des Jahres wurde bekannt, dass die in Hannover ausgebildeten Jurist*innen bei der Staatsprüfung deutlich schlechter abschnitten als in Göttingen oder Osnabrück ausgebildete. Besonders gravierend fällt die Nichtbestehensquote auf, die ca. 10 Prozentpunkte über denen der anderen Universitäten liegt. Der Fakultätsrat hat auf diesen Missstand reagiert und eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die mögliche Reformvorschläge evaluieren soll. Der FSR Jura hat sich ausgiebig mit einer Reform des Studiums befasst und ist der Meinung, dass die Gelegenheit zu einer umfassenden Reform ergriffen werden sollte.

Aus unserer Sicht ist ein großes Defizit in der Ausbildung an unserer Fakultät, dass die unterschiedlichen Scheine kaum aufeinander aufbauen und Studierende –nachvollziehbar- versuchen, zunächst die notwendigen Punkte zu sammeln, ohne sich dabei darauf zu konzentrieren, was im Studium später von ihnen gefordert wird. Klarstellend sollte erwähnt sein, dass es hier nicht darum geht, die Anforderungen des Studiums herunterzuschrauben. Vielmehr sollen Studierende durch eine bessere Konzeption des Studiums lernen, den Anforderungen des Studiums entsprechen zu können.

Bestärkt wird die in diesem Papier dargestellte Ansicht durch eine vom FSR durchgeführte Befragung der Studierenden. Nahezu jede*r Teilnehmer*in sah erhebliches Verbesserungspotential in der Ausgestaltung der Prüfungsordnungen. Einige Vorschläge haben wir dabei aufgegriffen, sofern diese in die Gesamtkonzeption passten.

1. Zwischenprüfung

1.1. Einführung einer Vorlesung „Juristische Arbeitsweise und Methodik“

Vielen Erstsemester*innen fällt der Umstieg auf den Gutachtenstil schwer. Zu dem vielen neuen Stoff kommt eine komplett neue Art sich Problemen zu nähern. Im ersten Semester wird in vielen Veranstaltungen bereits versucht den Gutachtenstil und die juristische Methodik beizubringen. Das kann aber am Rande der Veranstaltungen nur schwer gelingen. Vielfach wird betont, wie wichtig das juristische Handwerkszeug für das Studium ist. Daher setzen wir uns für die Einführung einer Vorlesung (2 SWS) „Juristische Arbeitsweise und Methodik“ im ersten Semester ein. Optional kann auch eine (Probe-) Klausur angeboten werden, wir halten das aber nicht für notwendig, da Erstsemesterveranstaltungen ohnehin gut besucht werden.

Die neue Vorlesung ist für uns von zentraler Bedeutung, denn so kann sich in den anderen Vorlesungen viel mehr Zeit für den eigentlichen Stoff gelassen werden. Freilich besteht bei so einer Lehrveranstaltung kein wissenschaftlicher Anspruch, so dass die Veranstaltung „Juristische Methodenlehre“ nicht überflüssig wird. Aus unserer Sicht könnte letztere Veranstaltung auch verstärkt auf kritische Wissenschaftsreflektion fokussiert werden.

1.2. „Strecken“ der Zwischenprüfung im Zivilrecht

Aus unserer Sicht ist problematisch, dass der „kleine Schein“ im Zivilrecht weitestgehend nach dem ersten Semester zu schaffen ist. Viele Erstsemester*innen bestehen bereits BGB I und BGB II, so dass wenig Anreize vorhanden sind, BGB III oder IV mitzuschreiben. Daher sollten die Klausuren aus BGB I und II nicht miteinander kombinierbar sein (d.h. ein Block iSd. § 15 ZwPrO darstellen). Die Zwischenprüfung wird dadurch kaum schwerer, aber das vorgeschlagene Verfahren würde die Kurse BGB III und IV für sehr viele Studierende interessanter machen.

Besonders wichtig ist aus unserer Sicht aber, dass die Studierenden zum Besuch der Sachenrecht-Vorlesung bewegt werden. Diese ist –wie wir immer wieder feststellen müssen- schlecht besucht. Da sachenrechtliches Wissen für das Examen und die große Übung unerlässlich ist, würden wir die Vorlesungen BGB IV und Sachenrecht tauschen wollen, so dass Sachenrecht bereits im 2. Semester gelesen wird und für die Zwischenprüfung relevanter wird.

1.3. „Zusammenziehen“ der Zwischenprüfung im öffentlichen Recht

Während im Zivilrecht der Klausurenteil der ZwPrO recht leicht erlangt werden kann, ist dies im öffentlichen Recht dafür umso schwieriger. Auch die Umfrage hat gezeigt, dass viele Studierende mit der ZwPr im öffentlichen Recht Probleme haben. Bereits in der Studienkommission wurde die Idee diskutiert, Staatsorganisationsrecht und Grundrechte kombinierbar zu machen. Dadurch würden für viele Studierende neue Gelegenheiten zum Erlangen der notwendigen Punkte entstehen, ohne dass die ZwPr dadurch signifikant einfacher wird.

1.4. Das besondere Verwaltungsrecht aus der Nische befreien

Die Veranstaltungen zum besonderen Verwaltungsrecht sind schlecht besucht. Das Wissen wird aber spätestens in der großen Übung benötigt. Ein erster Schritt kann die Einführung einer Arbeitsgemeinschaft „Besonderes Verwaltungsrecht“ sein, in der Polizeirecht, Kommunalrecht und Baurecht zusammen behandelt werden. Weiterhin könnte man in diesen drei Fächern jeweils Klausuren anbieten, die nicht kombinierbar sind (d.h. ein Block iSd. § 15 ZwPrO darstellen). Für viele Studierende würde hier die Gelegenheit bestehen die Punkte im öffentlichen Recht zu sammeln. Dadurch wird die ZwPr im öffentlichen Recht zwar etwas leichter zu erringen, allerdings darf nicht vergessen werden, dass zum Bestehen der jeweiligen Klausuren Kenntnisse im allgemeinen Verwaltungsrecht, Verwaltungsprozessrecht und dem jeweiligen Fach erforderlich sind. Studierende müssen sich auf diese Klausuren also entsprechend vorbereiten.

1.5. Krankheit und Arbeit berücksichtigen

Verglichen mit der Muster-Prüfungsordnung bietet die ZwPrO recht wenig Versuche Klausuren zu wiederholen. Es ist für uns nicht nachvollziehbar, warum Krankheit nur während der Klausuren im 4. Semester zu berücksichtigen sind (§ 5 Abs. 2). Wir fordern daher die Ausweitung auf Krankheitsphasen in den anderen Semestern. Um Verwirrungen auszuräumen (die bei Erstsemester*innen erfahrungsgemäß jedes Jahr erneut auftreten), sollte man die Wiederholungsklausuren (z.B. im Strafrecht) in Zusatzklausuren umbenennen, damit deutlich wird, dass jede*r diese schreiben kann.

Weiterhin sollte die ZwPrO vorsehen, dass Menschen, die nebenberuflich tätig sind (mehr als 20 Wochenstunden, vgl. einschlägige Definitionen des Sozialrechts) ein Semester mehr Zeit bekommen, um die ZwPr abzuleisten. Dadurch wird Menschen aus finanziell schlecht aufgestellten Familien, die sich das Studium selbst finanzieren müssen, entgegengekommen. Da die Grenze mit 20 Wochenstunden sehr hoch ist, wird ein Missbrauch ausgeschlossen.

2. Hauptstudium

2.1. Alternative Wege zur Erlangung der großen Übungen

Hier soll eine Art „Anreizmodell“ geschaffen werden. Damit in den großen Übungen jeder Aspekt der Rechtsgebiete vertieft werden kann, soll es möglich sein, die große Übung auch ohne Anfertigen einer Hausarbeit zu erlangen, wenn vier aus vier Klausuren bestanden worden sind. Da sehr viele Studierende mit den Klausuren Probleme haben, wird so die Anzahl der anzufertigenden Hausarbeiten für die Wenigsten abnehmen, dennoch werden viele probieren die große Übung auf diesem Weg zu bestehen. Da im Examen keine Hausarbeit angefertigt wird, ist der Wegfall von einer bis zu (im Extremfall) drei Hausarbeiten verschmerzbar. Dass in der großen Übung mehr Klausuren geschrieben werden, ist aus unserer Sicht begrüßenswert.

2.2. Vertiefung statt Fallrepetitorium

Aus der Umfrage hat sich ergeben, dass die großen Übungen derart unbeliebt sind, weil dort kein Stoff gelernt wird, sondern Fälle besprochen werden. Die Fallbearbeitung gehört in die AGs. Stattdessen soll die große Übung dazu dienen, das Wissen über die Rechtsgebiete zu vertiefen. Hierzu reichen 2 SWS nicht aus, so dass, wie im ÖR, 4 SWS für die Vorlesung angemessener wären. Hinsichtlich der großen Übung im Zivilrecht schlagen wir vor, dass auf den Vorbereitungskurs verzichtet wird und die große Übung Zivilrecht ebenfalls mit 4 SWS von einem Dozenten gelesen wird. Eine Alternative ist es, 2 SWS Fallrepetitorium, 2 SWS Stoffvertiefung anzubieten.

2.3. Verfall der Hausarbeiten

Eine einmal bestandene Hausarbeit soll nicht verfallen können. Da in einer Hausarbeit 4-8 Wochen Mühe stecken, sollte man die Studierenden nicht unnötig frustrieren, indem man die Hausarbeiten an die Klausuren koppelt. Konkret heißt das, dass wenn eine bestandene Hausarbeit vorliegt, die Klausuren auch ein Semester später geschrieben werden können, nicht aber umgekehrt.

2.4. Härtefallregeln

Die großen Übungen benötigen Härtefallregeln. Wenn eine Person nachweislich krank war, ist es unbillig die Prüfungsleistungen verfallen zu lassen. Auch mündliche Prüfungen können hier als Mittel zum Erbringen der Prüfungsleistungen hilfreich sein. Diese sind ohnehin Bestandteil des Examens, weshalb es nicht fern liegt, diese zu üben.

3. HannES-Repetitorium

3.1. Fester, verbindlicher Stundenplan

Das HannES-Repititorium braucht einen festen, verbindlichen Stundenplan. Das heißt, dass der ungefähre Inhalt einer jeden Stunde vorgegeben sein muss. Das erleichtert vieles. Zum einen die Vorarbeit. Viele Menschen lernen besser, wenn sie den selbst angelesenen Stoff noch einmal durch eine*n Dozent*in hören, als den gehörten Stoff nachträglich nachzulernen. Außerdem können sich studentische Arbeitsgruppen viel besser an dem Stoff des HannES orientieren. Auch für Dozent*innen hat dies Vorteile, da ihnen zum einen ein fester Leitfaden, was zu behandeln ist, an die Hand gegeben wird, es auf der anderen Seite aber auch schwächere Dozent*innen vom Abschweifen abhält. Auch wenn eine Stunde ausfallen sollte, kann so sinnvoll nachgearbeitet werden. Dabei darf der Stundenplan natürlich nicht zu starr sein. Wir stellen uns etwa so etwas vor: „Stunde 4 Strafrecht AT am 20.10.2014, Inhalt: Versuch II, insb. Rücktritt“.

3.2. HannES-Koordinator*in

Um diesen Plan zu erstellen und zu betreuen muss eine geeignete wissenschaftliche Stelle an der Fakultät geschaffen werden. Wir brauchen eine*n HannES-Koordinator*in. Diese Person muss mit den Lehrstühlen zum einen den oben genannten Stundenplan erarbeiten, zum anderen die Studiengangskoordinatorin im Bezug auf HannES entlasten. Auch die Erstellung von Skripten kann so zentral koordiniert werden. Wir befürworten die Finanzierung der Stelle aus Studienqualitätsmitteln.

3.3. Raumvergabe an Arbeitsgruppen

Viele Studierende entscheiden sich auch für die AG als bevorzugte Examensvorbereitung. Hier wurde im letzten Semester schon ein Weg in die richtige Richtung gegangen, indem die Räume der Fakultät in den Ferien tw. geöffnet wurden. Der Anmeldeprozess ist aber umständlich, unübersichtlich und praxisfern. Die meisten AGs bestehen aus drei bis fünf Menschen. Daher muss ab einer Gruppenstärke von drei Personen auch ein Raum zur Verfügung stehen, wenn dieser ohnehin frei ist. Den Anmeldeprozess aus Angst vor Vandalismus oder Diebstahl derart umständlich zu gestalten liegt fern.

3.4. Mündliches Examenstraining

Ferner sollte das mündliche Examenstraining auf alle drei Rechtsgebiete ausgeweitet werden.

4. Schwerpunkt

4.1. Vorbereitung auf den Schwerpunkt

Das Proseminar soll der Vorbereitung auf den Schwerpunkt dienen. Die Anforderungen sind aber sehr unterschiedlich. Daher soll in den Proseminaren darauf geachtet werden, dass das Anfertigen der späteren Schwerpunktarbeit und der Vortrag im Vordergrund stehen und geübt werden.

4.2. Regelstudienzeit und Freischuss

Derzeit ist es kaum möglich den Schwerpunkt vor dem Examen zu absolvieren und gleichzeitig einen Freischuss bzw. das Abschichten zu ermöglichen. Daher soll sich die Fakultät, gemeinsam mit den Studierendenvertretungen, für eine Änderung der Verordnungslage einsetzen. Die NJAVO muss in § 17 um die Berücksichtigung des Schwerpunkts ergänzt werden.

4.3. Den Vortrag aufwerten

Häufig ist die Note im Vortrag ähnlich wie die Note der Schwerpunktarbeit. Daher sollen die Soft-Skills als Hauptbewertungskriterium in die Schwerpunktordnung aufgenommen werden. Außerdem sollen Prüflinge bereits unmittelbar mit Zustellung des Ergebnisses ihrer Schwerpunktarbeit das entsprechende Votum erhalten, damit inhaltliche Mängel der Arbeit nicht auf den Vortrag durchschlagen. Weiterhin könnte man den Vortrag in der Bewertung auf 20% anheben und die mündliche Prüfung dementsprechend auf 40% der Gesamtnote absenken.

4.4. Einheitlichkeit der Fragestellungen

Die Aufgabenstellungen sind teilweise sehr unterschiedlich ausgestaltet. So geben manche Aufgabensteller*innen einen Fragenkatalog vor, während andere den Aufbau der Arbeit sehr offen lassen. Dies wird häufig als Ungerechtigkeit wahrgenommen.

4.5. Einstieg zum Sommersemester erleichtern

Auch wenn der Schwerpunkt nicht darauf ausgelegt ist im SoSem begonnen zu werden, nutzen einige Menschen diese Möglichkeit. Einsteigerseminare für die im SoSem Beginnenden könnten diesen Studierenden einen groben Überblick über den von ihnen nachzuarbeitenden Stoff geben.

4.6. Wiederholungsmöglichkeit erleichtern

Im Examen gibt es die Möglichkeit die Prüfungen einmalig zu wiederholen. Damit das auch im Schwerpunkt faktisch möglich wird, ohne dabei ein weiteres Jahr aufwenden zu müssen, sollte es möglich sein, im gleichen Schwerpunkt auch einzelne Prüfungsbestandteile (also z.B. die Arbeit) zum nächstmöglichen Termin zu wiederholen.

4.7. Durchschnittsnoten

Dass im Schwerpunkt im Schnitt eine bessere Note erzielt wird als im Examen, ist nicht schlecht. Hannover liegt im Vergleich mit den Durchschnittsnoten anderer Fakultäten weder besonders weit oben, noch unten. Dennoch gibt es unter den einzelnen Schwerpunktbereichen sehr unterschiedliche Notengebungen, so dass diese auch bei Studierenden immer häufiger eine Rolle spielen. Intern (FR, StuKo) sollten daher die Durchschittsnoten der einzelnen Prüfer*innen bekanntgegeben werden. Wir glauben, dass durch diese „Kollegiumsöffentlichkeit“ schon bald ein etwas vergleichbareres Notenbild herrschen könnte.

5. Übergreifendes

5.1. Korrekturen

Die Korrekturen vieler Klausuren sind für die Studierenden nicht nachvollziehbar. Auch wenn für die einzelnen Korrekturen wenig Geld und Zeit zur Verfügung stehen, sollten Studierende aus den korrigierten Klausuren lernen können. Daher sollte man Minimalstandards in der Prüfungsordnung festschreiben, damit diese überall verbindlich sind. Weiterhin sollten „schlechte“ Korrekturassistent*innen auch an anderen Lehrstühlen nicht beschäftigt werden. Dazu muss der Informationsaustausch untereinander verbessert werden. Zu den Korrekturen gehört aber auch die Remonstration. Diese soll verhindern, dass gegen jede Klausur geklagt werden muss. Daher gehören die Voraussetzungen einer erfolgreichen Remonstration in die Prüfungsordnung, genauso wie eine Bearbeitungsfrist, damit Studierende Planungssicherheit haben.

5.2. Vor- und Nacharbeit erleichtern

Viele Menschen lernen besser, wenn sie den Lernstoff nicht nachbereiten, sondern vorbereiten. Um dies besser zu ermöglichen, sollen nach Möglichkeit die Themen der jeweils nächsten Vorlesung bekanntgegeben werden. Aber auch die Nacharbeit soll besser möglich sein. Hierzu sind Aufzeichnungen von Vorlesungen sinnvoll. Diese ermöglichen insbesondere berufstätigen Studierenden eine sinnvolle Teilnahme am Studium.

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